Illustration für The Raggle Taggle Gypsy
Traditional Folk

The Raggle Taggle Gypsy

Der Zigeuner

Eine Ballade über Freiheit und Leidenschaft — eine Adlige verlässt alles für den Zigeuner

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Traditional · Arranged & performed by Mat Williams · © ClassicRocks

Text & Übersetzung

EnglishDeutsch
There were three old gypsies came to our hall doorDa waren drei alte Zigeuner, die an unsere Tür kamen,
They came brave and boldly-o,Sie kamen tapfer und verwegen,
The one sang high and the other sang lowDer eine sang hoch und der andere sang tief
The other sang a raggle taggle gypsy-o.Und der andere sang ein ungekämmter Zigeuner.
It was upstairs downstairs the lady wentTreppauf und treppauf lief die Lady,
She put on her suit of leather-o,Sie legte ihren Lederanzug an,
There was a cry from around the doorEs kam ein Schrei von der Tür
“She’s away wi’ the raggle taggle gypsy-o.”“Sie ist fort mit dem ungekämmten Zigeuner.”
It was late that night when the Lord came inEs war spät in der Nacht als der Lord nach Hause kam,
Enquiring for his lady-o,Und nach seiner Lady verlangte,
The servant girl she said to the LordDas Dienstmädchen sagte zum Lord
“She’s away wi’ the raggle taggle gypsy-o.”“Sie ist fort mit dem ungekämmten Zigeuner.”
“Then saddle for me my milk white steed“Dann sattele für mich mein milchweißes Ross,
For my big horse is not speedy-o,Denn mein großes Pferd ist nicht schnell genug,
And I will ride till I seek my brideUnd ich will reiten, bis ich meine Braut finde
She’s away wi’ the raggle taggle gypsy-o.”Sie ist fort mit dem ungekämmten Zigeuner.”
Now he rode East, he rode WestNun ritt er gen Osten und gen Westen,
He rode North and South also,Er ritt nach Norden und auch nach Süden,
Till he came to a wide open plain,Bis er zu einer weiten, offenen Ebene gelangte,
There he spied his lady-o.Dort erspähte er seine Lady.
“How could you leave your goose featherbed“Wie konntest du nur dein Gänsefederbett verlassen
With your blankets strewn so comely-o?Mit Deiner Decke so ansehnlich bestreut?
How could you leave your newly wedded LordWie konntest Du Deinen frisch angetrauten Lord verlassen
All for the raggle taggle gypsy-o?”Nur für einen ungekämmten Zigeuner?”
“What care I for my goose featherbed“Was kümmert mich mein Gänsefederbett
Wi’ ma blankets strewn so comely-o,mit meinen lieblich bestreuten Decken,
Tonight I lie in a wide upon fieldHeute Nacht liege ich auf einem weiten Feld
In the arms of a raggle taggle gypsy-o.”In den Armen eines ungekämmten Zigeuners.”
“How could you leave your house and your land?“Wie konntest du nur dein Haus und dein Land verlassen?
How could you leave your money-o?Wie konntest du dein Geld zurücklassen?
How could you leave your only wedded LordWie konntest Du Deinen einzigen angetrauten Lord verlassen
All for a raggle taggle gypsy-o?”Nur für einen ungekämmten Zigeuner?”
“What care I for my house and my land?“Was kümmert mich mein Haus und mein Land?
What care I for my money-o?Was kümmert mich mein Geld?
I’d rather have a kiss from the yellow gypsy’s lipsIch hätte lieber einen Kuss von des Zigeuners gelben Lippen
I’m away wi’ the raggle taggle gypsy-o.”Ich bin fort mit einem ungekämmten Zigeuner.”
Away wi’ the raggle taggle gypsy-o.Fort mit einem ungekämmten Zigeuner.

Traditioneller Text · Public Domain · Arrangement © Mat Williams / ClassicRocks.

Geschichte & Hintergrund

Commentary Kommentar

It is a truth universally acknowledged that children enjoy singing in a minor key, even if they don’t know that’s what they are doing. In the olden days school assembly had a bible reading, a prayer and a hymn. There was always a little buzz when a favourite was announced and favourites were nearly always in a minor key. “We Three Kings” or “Emmanuel” or, for a real rouser, “Hills of the North Rejoice.”

Es ist eine universell anerkannte Tatsache, dass Kinder in Moll-Tonarten singen, selbstverständlich ohne sich dessen bewußt zu sein. In den alten Tagen gab es bei Schulversammlungen eine Bibellesung, ein Gebet und ein Kirchenlied. Es gab immer ein freudiges Gemurmel, wenn ein Lieblingslied angekündigt wurde und die Lieblingslieder waren fast immer in Moll-Tonarten: “We Three Kings” or “Emmanuel” oder “Hills of the North Rejoice.”

“The Raggle-Taggle Gypsy” is in the minor but like the hymns, not in the least melancholy. The tune is also user-friendly. It spans little more than an octave, comfortable for the trebles and the growlers both, so nobody gets embarrassed. (Compare it with the U.S.A. anthem “The Star-Spangled Banner” which covers such a span that nobody can sing it unless they have a highly trained voice.) The words of “Gypsy” are also child-friendly. Quite apart from the story, they fit the mouth beautifully - just singing “raggle-taggle” is fun.

“The Raggle-Taggle Gypsy” steht ebenfalls in einer Moll-Tonart (Anmerkung: in D-Moll), allerdings ist der Folksong bei weitem nicht so melancholisch wie die erwähnten Kirchenlieder. Die Melodie ist außerdem benutzerfreundlich. Sie umfasst etwas weniger als eine Oktave (Man vergleiche den Song mit der amerikanischen Nationalhymne “The Star-Spangled Banner”, die einen Tonumfang hat, den niemand bewältigen kann, es sei denn man ist ein ausgebildeter Sänger). Der Text des “Gypsy” Songs ist ebenfalls kinderfreundlich. Ganz abgesehen von der Geschichte macht es Spaß, die “raggle-taggle” Stelle zu singen.

The story is appealing too. Any running away tale is exciting whether it is Sweet Polly Oliver dressing in her brother’s clothes to join the army or boys running away to sea. (Think what a better time Shakespeare’s “breeches” heroines have than their stay-at-home sisters. Admittedly most of them have no choice in the matter having been exiled or shipwrecked, but the high romance is the same.) And high romance, of course, is just what running away songs are - the wind in your hair as you travel the high road or climb the mast to the crow’s nest. There’s no reality to spoil the illusion. No blisters, no hunger, no freezing cold sleet. Of course not. It is pure wish fulfilment and so is the song we have here. (The lady appears to have some common sense in this version - at least she puts on a suit of leather.)

Die Story ist ansprechend. Geschichten, bei denen jemand ausreißt, sind immer spannend, ob sich die süsse Polly Oliver als ihr Bruder verkleidet, um der Armee beizutreten oder ob es um Jungs geht, die ausreißen, um zur See zu fahren. (Man denke daran, eine welch gute Zeit Shakespeare’s “breeches” Heldinnen haben im Vergleich zu ihren daheimgebliebenen Schwestern. Zugegebenermaßen hatten die meisten von ihnen keine Wahl, ganz gleich ob sie flüchten mussten oder schiffsbrüchig waren, doch die große Romantik ist dieselbe. Und um große Romantik geht es natürlich bei Ausreisser-Geschichten - der Wind in deinen Haaren auf den großen Straßen oder während du den Mast erklimmst, hinauf zum Krähennest. Es gibt keine Realität, welche die Illusion verderben könnte. Keine Blasen an den Füßen, kein Hunger, kein eiskalter Graupelregen (Die Lady in dieser Version scheint zumindest etwas gesunden Menschenverstand mitzubringen und legt vor ihrer Flucht einen Lederanzug an).

The reaction of the lord is unusual. Most irate husbands chase after missing wives to avenge the insult by running a sword through the wife’s lover. It was, after all, a question of property and lawful inheritance. The wives of the aristocracy were the brood-mares of England, chosen for their dowry or their pedigree. A wife, aristocratic or not, was her husband’s possession, his chattel and no risk could be taken that any children she had might not be legitimate. The line, the family, the blood, the ownership of the land must continue.

Die Reaktion des verlassenen Lords ist ungewöhnlich. Die meisten erzürnten Ehemänner jagen ihren verschwundenen Ehefrauen nach und rächen die Beleidigung damit, ein Schwert in den Liebhaber ihrer Frau hineinzustoßen. Letztlich geht es auch um Besitz und die gesetzliche Erbfolge. Die Ehefrauen der Aristokratie waren die Zuchtstuten Englands. Eine Ehefrau, aristokratisch oder nicht, war ihres Ehemanns Besitz und es durfte kein Risiko eingegangen werden, dass irgendwelche Kinder illegitim sein könnten. Die Linie, die Familie, das Blut, das Besitztum des Landes mussten fortbestehen.

This song is a love story. There is no mention of revenge or punishment. The lord wants his bride back again and his incomprehension is moving. He simply cannot understand why all the things he offers are not enough to tempt her. The song becomes call-and-response as he lists one by one the comforts and riches she leaves behind and one by one she refuses them. Most girls do not have much experience in comparing a goose-feather bed with a cold open field, but that is not the point. The point is old-fashioned high romance and most small girls (always excepting those dressed entirely in pink who want to be princesses when they grow up) would make, in their day-dreams, the same choice as the lady. At least, I hope so. It would be a sad day if they didn’t.

Dieser Song ist eine Lovestory. Rache oder Strafe finden keine Erwähnung. Der Lord will seine Braut zurück und sein Nicht-Begreifen ist bewegend. Er kann einfach nicht verstehen, warum all die Dinge, die er zu bieten hat, nicht genügend verlockend sind für sie. Das Lied wird zu einem Frage- und Antwortspiel, als er all die Annehmlichkeiten und Reichtümer aufzählt, welche sie zurückläßt und die sie eins nach der anderen ausschlägt. Die meisten Mädchen haben keine große Erfahrung, wenn es darum geht, ein Gänsefederbett mit einem kalten offenen Feld zu vergleichen, doch darum geht es hier nicht. Der Punkt ist altmodische Romantik und die meisten kleinen Mädchen (mit Ausnahme derjenigen, die immer vollständig in Pink gekleidet sind und Prinzessinnen werden möchten, wenn sie groß sind) würde in ihren Tagträumen dieselbe Wahl treffen, wie die Lady im Song. Zumindest hoffe ich das. Es wäre traurig, wenn sie es nicht täten.

P.S. I pinched the first few words of this commentary from Jane Austen. I hope she wouldn’t have minded. I only steal from the best.

P.S. Ich habe die ersten Worte dieses Kommentars bei Jane Austin ausgeliehen. Ich hoffe, es hätte ihr nichts ausgemacht. Ich stehle nur von den Besten.

Commentary written by Gillian Goodman · © ClassicRocks / Mat Williams